Direkt zum Inhalt
Kreuzverhör

Viveca Sten im Interview mit Topkrimi

Keine andere Region Europas führt die Riege der Kriminalromane so gekonnt und fesselnd an wie Skandinavien. Aus Norwegen, Schweden, Finnland oder Dänemark kam in den letzten Jahren ein Großteil der Krimireihen, die Leser weltweit am meisten gefesselt haben. Zwischen Fjorden, Schnee und monatelanger Dunkelheit jagt eine Vielzahl von fiktiven Kommissaren Mörder und andere Verbrecher. Manche Krimiautoren lassen ihre Ermittler in Großstädten oder sogar im ganzen Land auf die Suche gehen. Nicht so jedoch Viveca Sten. Ihr reicht eine kleine Insel vor den Toren Stockholms, auf der es wegen der unzähligen Sommergäste einfach keine kriminalistische Ruhe geben will. Und das ist auch gut so, wie ihr neuester Kriminalroman Mörderisches Ufer deutlich macht. Denn auf Kommissar Andreasson wollen wir nicht mehr verzichten! Wir haben Viveca Sten ein paar Fragen zu ihrer Lieblingsinsel, ihrem Schreiben und ihrer Sandhamn-Reihe gestellt.

1. Der Schlüssel zum Fall

Krimiautoren brauchen nicht nur ein Talent zum Schreiben, sie müssen sich auch auf eine ganz besondere Art und Weise in andere Menschen hineinversetzen können. Denn nur wer die Menschen und ihre seelischen Abgründe kennt, kann nachvollziehbar über Motive und Morde schreiben. Viveca Sten hat ihre eigene Methode, um das Motiv ihrer Täter authentisch wirken zu lassen.

Topkrimi: Sie haben für jedes Ihrer Bücher eine Art Schlüsselwort, unter dem Sie es schreiben. Welches ist es für Mörderisches Ufer und wieso?

Viveca Sten: "Es stimmt: Ich definiere für jedes neue Buch einen Schlüsselbegriff, der das Wesen und den Geist der Geschichte beschreibt. Außerdem versuche ich auch immer, eine Art “treibende Kraft” für das zentrale Verbrechen zu formulieren. In diesem Buch war mein Schlüsselbegriff “Exposure” (dt. Enthüllung, Belichtung; Anm. d. Redaktion). Und das Mordmotiv “Desperation” (dt. Verzweiflung; Anm. d. Redaktion). Was es damit auf sich hat, wird aber an dieser Stelle nicht verraten!"

2. Mütter und ihre Kinder

Die Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern ist stets eine ganz besondere. Umso schwerer fällt es manchen, eben solche Kriminalfälle zu lesen, in denen es um Kinder geht. Es bleibt die Frage, wie es den Autoren solcher Krimis geht, die meist ja selbst Eltern sind.

Topkrimi: In Mörderisches Ufer geht es um ein Segelcamp für Kinder. Manche dieser Kinder werden gemobbt und eines verschwindet schließlich sogar. War es für Sie, als Mutter, schwieriger als sonst dieses Buch zu schreiben?

Sten: "Nicht unbedingt. Ich habe bereits öfter über Kinder geschrieben, die von ihren Eltern misshandelt oder vernachlässigt werden. Selbstverständlich ist es aber so, dass ich mich als dreifache Mutter sehr gut mit den Gefühlen des Verlustes und der Verzweiflung identifizieren kann, die eine Mutter fühlt, wenn ihr ein Kind genommen wurde."

3. Der Anfang eines Kriminalfalls

Jeder Autor hat seine eigene Taktik, wenn es darum geht, ein neue Geschichte zu schreiben. Manche fangen ganz einfach bei Seite 1 an und lassen der Geschichte ihren Lauf. Andere haben im Vorfeld bereits alles geplant und müssen ihre Erzählung nur noch ausformulieren. Auch Viveca Stan hat eine ganz eigene Taktik, wenn es darum geht, einen neuen Fall für Kommissar Andreasson zu Papier zu bringen.

Topkrimi: Schreiben Sie noch immer das erste und letzte Kapitel zuerst, wie bei Ihrem ersten Buch? Warum machen Sie es so oder warum haben Sie Ihre Schreibtaktik verändert?

Sten: "Früher habe ich das tatsächlich gemacht, heutzutage allerdings nicht mehr. Mittlerweile schreibe ich, bevor es losgeht, eine detaillierte Zusammenfassung der Handlung - ungefähr 30 bis 60 Seiten lang. Das bedeutet natürlich, dass ich immer noch weiß, wie das Buch enden wird. Aber nachdem ich die Zusammenfassung geschrieben habe, beginne ich ganz klassisch auf Seite 1."

4. Die Tatorte auf Sandhamn

Eine Insel als Setting für eine mehrbändige Krimi-Reihe ist schon ein ganz besondere Herausforderung. Immerhin ist die Auswahl an möglichen Tatorten, Opfern und Tätern zwangsläufig ein wenig eingeschränkt. Dennoch stellt sich Viveca Sten dieser Herausforderung ohne Probleme.

Topkrimi: Sandhamn ist bekanntlich keine besonders große Insel, 3 Kilometer lang und nur 1,5 Kilometer breit. Haben Sie trotzdem noch genügend Tatorte übrig, die Sie noch nicht benutzt haben?

Sten: "Nein, die Insel ist wirklich nicht groß (lacht). Einer meiner Nachbarn hat einmal nachgerechnet und mir danach erzählt, dass ich in meinen Büchern mittlerweile fünf Prozent der Einwohnerschaft Sandhamns umgebracht habe. Aber keine Sorge! Es gibt immer noch viele schöne Plätze auf der Insel und viele Menschen, die Teil zukünftiger Krimis sein können. Ich habe vor kurzem erst einen Vertrag für 4 weitere Bücher der Serie unterschrieben, also gibt es noch viele schöne Morde, auf die man sich freuen kann."

5. Der Kommissar und Sandhamn

Auch an Sandhamn selbst ist der Erfolg von Stens Sandhamn-Reihe nicht spurlos vorbeigegangen. Die im Sommer ohnehin bei Touristen beliebte Insel, erhält seit dem ersten Krimi mit Kommissar Andreasson noch mehr Besuch. Mittlerweile gibt es sogar einen eigenen Tourismus für Fans der Reihe.

Topkrimi: Auf Ihrer Homepage gibt es eine Mordkarte, anhand derer Fans auf den Spuren Ihres Kommissars wandeln können. Wie oft wandeln Sie selbst auf den Spuren Kommissar Andreassons?

Sten: "Ich streife eigentlich ständig und so oft es geht über die Insel - nicht nur auf den Spuren meines Protagonisten, sondern auch abseits davon. Es ist eine großartige Quelle der Inspiration für mich."

6. Die Liebe zu Sandhamn

Verbringt man soviel Zeit auf einer kleinen Insel wie Viveca Sten auf Sandhamn, verbindet man zwangsläufig viel persönliches mit der Landschaft und den Bewohnern.

Topkrimi: Warum sind es genau diese Tat- und Fundorte geworden? Verbinden Sie persönlich etwas mit diesen Orten?

Sten: "Vor allem Familientradition. Meine Familie feierte diesen Sommer ihr 100-jähriges Jubiläum in Sandhamn. Mein Urgroßvater Oscar kam schon 1917 auf die Insel und kaufte das Familienanwesen. Seit ich ein Kind war habe ich jeden Sommer dort verbracht, genau wie mein Vater vor mir. Heute mache ich es mit meinen eigenen Kindern genau so."

7. Die Wahl des Tatorts

Nach acht Krimis, deren Schauplätze alle auf oder um Sandhamn liegen, kommt zweifellos die Frage auf, ob Viveca Sten den einen oder anderen ihrer Schauplätze besonders spannend findet.

Topkrimi: Haben Sie einen Ihrer Tatorte besonders gern? Und wieso?

Sten: "Eigentlich alle. Ich liebe das Archipel und ich verbringe wie gesagt sehr viel Zeit auf Sandhamn. Es ist mein absoluter Lieblingsplatz auf der ganzen Welt. Nicht nur weil es ein großartiger Schauplatz für Kriminalromane ist, sondern auch wegen der Schönheit der wilden Natur und den historischen Orten. Die stammen vereinzelt noch aus dem 17. Jahrhundert."

8. Die Heimat als Mordschauplatz

Den eigenen Lieblingsort verbindet man am liebsten mit schönen Erinnerungen und guten Gefühlen. An vermisste Kinder, Mordermittlungen und Tatorte denkt man hingegen weniger.

Topkrimi: Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Tatorte wieder zu besuchen? Was ist das für ein Gefühl, an einem Ort zu stehen und zu wissen, dass man dort Jemanden in seinen Gedanken umgebracht hat?

Sten: "Da ich so viel Zeit in Sandhamn verbringe, bin ich das Gefühl mittlerweile mehr als gewohnt. Als “Massenmörderin” fühle ich mich trotzdem nicht. Ganz ehrlich: Ich bin wahrscheinlich eine der unauffälligsten und unverdächtigsten Kriminalautorinnen, die es gibt. Ich glaube an das Gute im Menschen und dass die Welt ein schöner und netter Ort ist. Manchmal vergesse ich nachts sogar, meine Haustür zu schließen. In einem meiner Bücher würde ich das niemals tun (lacht)."

Beiträge der gleichen Kategorie

Kreuzverhör
Ein exklusives Interview mit Sebastian Fitzek
Erfahre Neues zu den Sebastian Fitzek Büchern! Er verrät uns sogar ein Detail zu seinem neuen Buch "Das Geschenk". 
Kreuzverhör
Interview mit Vincent Kliesch zum Entstehen von "Auris"
Was ist forensische Phonetik? Erfahre von Autor Vincent Kliesch, mehr über die Hintergründe von "Auris". Zusätzlich findest du hier ein Vorwort von Sebastian Fitzek! 
Kreuzverhör
Im Interview verrät uns Kate Penrose, warum ihr Krimi auf den Scilly-Inseln spielt
Die Krimi-Autorin im exklusiven Interview. Erfahre mehr über ihr Werk "Nachts schweigt das Meer".
Kreuzverhör
Ein exklusives Interview mit Anja Berger
Ein exklusives Interview mit der Krimi-Autorin. Klicke hier!
Kreuzverhör
Ein Interview mit Christian Boochs
Wir haben Autor Christian Boochs zu seinem Werk "Mutterblut" befragt und unter anderem erfahren, wie er zu der Idee seines Täters kam. 
Kreuzverhör
Interview mit Spiegel-Bestseller-Autorin Ursula Poznanski
Lese jetzt unser Interview mit Ursula Poznanski. Sie verrät uns einige Details zu ihrem Werk "Vanitas - Schwarz wie die Erde".
Kreuzverhör
Ein spannendes Interview mit Wiebke Lorenz
In unserem Interview spricht Bestseller-Autorin Wiebke Lorenz über ihr neues Buch „Einer wird sterben“.
Kreuzverhör
Autoreninterview mit Stefan Böhm
Wir haben ein exklusives Autoreninterview für Dich. Einfach hier klicken!
Kreuzverhör
Krimi-Autor Bernd Jooß im Interview
Wir haben für Dich ein exklusives Interview mit Krimiautor Bernd Jooß. Klick einfach hier!
Kreuzverhör
Anna Yorck im Interview mit Topkrimi
Anlässlich ihres neuen Krimis "The Girl", der im August erscheint, hat sich Topkrimi-Autorin Anna Yorck unseren Fragen gestellt. Nur in den Topkrimi-Schlagzeilen verrät sie exklusiv, was die...
Kreuzverhör
Cay Rademacher im Interview mit Topkrimi
Wie entstehen die Geschichten rund um Roger Blanc und woher nimmt sich der Autor die Inspirationen? Das und vieles mehr erfahrt Ihr hier!
Kreuzverhör
Anselm Rodenhausen im Interview mit Topkrimi
Social Media und künstliche Intelligenz – Thriller Autor klärt uns über die wichtigsten Gefahren auf!
Kreuzverhör
Plötzlich verschwunden: Die 5 spektakulärsten Entführungen!
Immer wieder geraten vor allem wohlhabende Familien und Prominente ins Visier von Entführern. Als Personen des öffentlichen Lebens stehen sie häufig im Scheinwerferlicht der Medien und können ihr Pri...
Kreuzverhör
Zwischen Genie und Wahnsinn- 5 Persönlichkeiten der Weltgeschichte, die dem Wahnsinn verfallen sind
Schon vor 2500 Jahren brachte der Wissenschaftler Aristoteles Genie und Wahnsinn in einen Zusammenhang. Der Schmale Grat, der diese beiden Extreme trennt, ist mitunter kaum zu erfassen: ob jemand ein ...
Kreuzverhör
Und schon wieder zu viel Stress: 4 Tipps, wie Du im Alltag Zeit sparen kannst
Jeder kennt das Problem: Man hetzt von einem Termin zum nächsten, ist dann noch am Abend mit Freunden verabredet und eh man sichs versieht, ist der Tag auch schon wieder vorbei und man hat trotzdem ni...