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Kreuzverhör

Krimi-Autor Bernd Jooß im Interview

Lesezeit 7 min

Bernd Jooß begann trotz einer Schreibschwäche und eines Sprachfehlers früh Geschichten zu schreiben. Nach einer Ausbildung zum Verlagskaufmann, arbeitet er als Buchhändler und schreibt nebenher für verschiedene Magazine, für die er schon Bestseller-Autoren sowie Verleger und Übersetzer interviewte. Neben dem Lesen und Schreiben von Büchern, hat er auch eine große Leidenschaft für Filme und Serien, allen voran düsteren und unheimlichen Stoffen.

Was düstere Stoffe so faszinierend macht

Eines der ersten Bücher, die ich gelesen habe, waren die Begleitbücher zur Serie Akte X. Bald darauf las ich meinen ersten Stephen King: „Desperation“. Ich kann nicht genau erklären, warum mich diese Stoffe anziehen, das Dunkle, Unheimliche und Abgründige. Sicher liegt es nicht an einer schrecklichen Kindheit. Nein, ich denke, meine Kindheit war recht durchschnittlich, mit geschiedenen Eltern und in einem mittelgroßen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Aber mich haben schon immer verrottete und verfallene Orte fasziniert, verdorrte Felder genauso wie verfallende Gebäude, verlassene Wege und einsame Hütten im Wald, sie beflügeln meine Fantasie, bringen mich zum Nachdenken, was zu diesem Verfall geführt, welche mögliche Katastrophe hier stattgefunden hat.

Es verwundert daher sicher nicht, dass einer meiner ersten Erzählungen in der Welt der Ghostbusters spielt. Zwar handelte es sich dabei um eine Schulaufgabe in der vierten Klasse, aber dadurch wurde ich mit dem Schreiben angefixt. In der Folge schrieb ich kurze Geschichten (sehr kurz, kaum länger als 6, 8 Seiten, die ich später feinsäuberlich mit der Schreibmaschine abtippte und in einen festen Karton „einband“ und beschriftete), die von riesigen übernatürlichen Katzen handelten, die sich an den Menschen für ihre Artgenossen rächten, die ständig überfahren und gequält werden. Ich fabrizierte weitere solche Ergüsse, ehe ich auf Edgar Allen Poe stieß (hauptsächlich wurde ich auf ihn aufmerksam durch eine Simpsons-Folge, in der eine Parodie auf Poes „Rabe“ gezeigt wurde) und war sofort in seinen Bann geschlagen, von seiner Sprache genauso wie von der Tiefe seiner Geschichten.

Fortan schrieb ich Erzählungen im ähnlichen Stil, zumindest versuchte ich es. Gleichzeitig wuchs mein Interesse an Literatur allgemein. Ich las sämtliche wichtige Horror-Bücher (und sah die entsprechenden Filme), die mich zugleich faszinierten und erschreckten. Später kamen Thrillers und Detektivromane hinzu, aber vor allem durch Peter Straubs Blue-Rose-Zyklus begriff ich allmählich, was mich an diesen Stoffen wirklich faszinierte. Gerade Straub schafft es auf meisterliche Art und Weise, dem übernatürlichen Schrecken einen realen Hintergrund zu verleihen, der oft in den Menschen selbst wurzelt. Denn in den besten Horrorbüchern oder Thrillers geht es letztlich um das Innenleben der Menschen, um die dunklen Orte in einem selbst, die inneren Dämonen, die jeder mit sich herumschleppt, gegen die wir kämpfen und die Auswirkungen auf unser tägliches Leben haben und genau das macht solche Geschichten so interessant.

Und nicht nur das, denn die wirklich guten Bücher, die sich mit dem Abgründigen befassen, können auch ein Indiz auf die Strömung und Stimmung in der Gesellschaft allgemein liefern. Das fing schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts an, als die desillusionierten und zynische Detektivromane aufkamen und damit den Zeitgeist der Depression in den USA wiederspiegelten, die Spionagebücher nach dem zweiten Weltkrieg oder die Serienkiller-Romane ab den 80er Jahren, als man immer öfters von Serienkillern wie Ted Bundy, Son of Sam oder Jeffrey Dahmer in den Medien hörte.

Und heute haben wir es nicht nur mit immer mehr Gewalt der unterschiedlichsten Art zu tun, mit Diskriminierung, Mobbing, Krieg und Amokläufe, sondern ebenso mit unzuverlässigen Erzählern wie in „Gone Girl“ oder „Girl on the Train“. Hier ist nicht mehr einfach zu unterscheiden, wer lügt, wer die Wahrheit spricht oder jemand verdreht die Wahrheit so, um selbst in einem besseren Licht dazustehen. Ich denke, mein Krimi spiegelt diese Zeit perfekt wider. Eine Zeit, in der die Gewalt scheinbar überhand nimmt, die Unsicherheit wächst und in der jeder einzelne von uns versucht, damit umzugehen, speziell die Leute, die tagtäglich damit konfrontiert sind wie Polizisten, wie schaffen sie das … oder eben auch nicht, das wollte ich mit „Verfall“ herausfinden.

Haben Sie literarische Vorbilder?

Vorbilder nicht direkt, aber es gibt durchaus Autoren, die ich für Ihren Stil bewundere und deren Themen, so unterschiedlich sie sind, mich immer wieder packen. An vorderster Front steht Cormac McCarthy und nach langem Abstand folgen James Ellroy, Peter Straub, Raymond Chandler, Clemens Setz, Helmut Krausser, Annie Proulx und Shirley Jackson, um nur ein paar zu nennen. Aber gerade zu Anfang meiner Schreibkarriere haben wohl Edgar Allen Poe und Stephen King den größten Einfluss auf mich ausgeübt.

Erzählen Sie uns etwas über den Entstehungsprozess von „Verfall - eine Odyssee“

Oh je, der war wirklich lang. Alles in allem circa 7 Jahre. Die erste Version schrieb ich 2011, per Hand, meistens nachts nach einem 8-Stunden-Arbeitstag und Fitnessstudio-Besuch. Über 500 Seiten war es am Ende. Diese Version unterschied sich vom Handlungsablauf und vor allem von der Auflösung erheblich vom jetzigen Buch. Doch während der Korrektur merkte ich, dass die Geschichte so für mich nicht funktionierte, weshalb ich sie 2012 komplett neu schrieb, wieder per Hand. Zwar war dieses Mal das Manuskript in sich schlüssiger, dennoch musste ich es noch mehrmals überarbeiten, weil sich mir erst nach und nach erschloss, welche Geschichte sich wirklich darin verbarg und wie die einzelnen Handlungsstränge im Grunde zusammenhängen. Und dann kamen natürlich die Änderungen hinzu, vor allem Kürzungen, die meine Agentur wünschte, und schließlich der letzte Schliff am Handlungsablauf zusammen mit meiner Lektorin vom Knaur Verlag.

Was wünschen Sie sich von der Buchwelt?

Bücher sind essenziell wichtig, vielmehr das Lesen. Es ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass regelmäßiges Lesen die Verständnisfähigkeit fördert, dass es die Fantasie anregt und dazu beiträgt, kreative Lösungen für Probleme zu finden. Nicht zu unterschätzen ist außerdem, dass man durch regelmäßiges Lesen die Fähigkeit erhält, seine Gedanken und Bedürfnisse besser auszudrücken, was wiederum für das Miteinander enorm wichtig ist. Deshalb wünsche ich mir, dass die Leute Bücher neu entdecken oder vielmehr wieder erkennen, welche Möglichkeiten das Lesen bietet, welche Anregung und welchen Spaß. Denn natürlich helfen Geschichten nicht nur dabei, sich selbst oder die Gesellschaft besser zu verstehen, sondern sie bieten zudem die perfekte Gelegenheit, einen Gang runterzuschalten, zur Ruhe zu kommen, sich in andere Welten zu verlieren oder fremde Persönlichkeiten zu schlüpften, und das intensiver und nachhaltiger als jede Serie, Film oder Youtube-Channel.

Schon die ersten Höhlenmenschen erzählten sich Geschichten, auf Geschichten ist unsere gesamte Gesellschaft aufgebaut, unsere Politik, Religion und Tratsch, sie gehören zu unserem Leben dazu, was man wunderbar bei Harari „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ nachlesen kann, und dabei macht es keinen Unterschied, ob digital, als eBook oder gedrucktes Buch, wichtig ist allein, dass wir es tun!

Verfall - eine Odyssee

12.99 €
Ein brutaler Serienmörder, ein Stadtviertel am Abgrund und ein Ermittler, der bald nicht mehr weiß, was Wirklichkeit ist. Ein fesselnder Thriller für alle Fans von 'Sieben' und 'True Detective'. Ein brutaler Serienkiller tötet ohne erkennbares Motiv, ohne Spuren zu hinterlassen. Die einzige Gemeinsamkeit der Morde ist der Ort: das Gerberviertel, der soziale Brennpunkt der Stadt. Hauptkommissar Hendrik Heller, den mit dem Viertel eine tragische Vergangenheit verbindet, wird mit den Ermittlungen betraut. Je undurchsichtiger der Fall wird und je mehr die Gewalt in der Stadt um sich greift, desto mehr steigert sich Hendrik in den Fall hinein. Denn mit dessen Lösung – so glaubt er – kann er nicht nur die gesamte Stadt, sondern auch sich selbst vor dem Untergang retten. Doch was ist im undurchschaubaren Gerberviertel Wahrheit? Und was ist Wahn?

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