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Kreuzverhör

Ein spannendes Interview mit Wiebke Lorenz

Wiebke Lorenz arbeitet als freie Autorin in Hamburg-Hoheluft und schreibt für verschiedene Zeitschriften (darunter Cosmopolitan und Maxi) und arbeitet für Fernsehsender und Buchverlage. Gemeinsam mit ihrer Schwester veröffentlicht sie unter dem dem Pseudonym Anne Hertz Bestseller mit Millionenauflage.

In diesem Interview erzählt sie über ihr Buch „Einer wird sterben“.

© Pressebild.de/ Bertold Fabricius

Die Idee zu „Einer wird sterben“ kam Ihnen, als Sie über einen Zeitungsartikel gestolpert sind. Können Sie uns das ein wenig genauer schildern?

Das war eine Meldung im „Tagesspiegel“, in der über ein Paar berichtet wurde, das in einem Ort in der Nähe von Frankfurt neun Tage lang in einer Straße parkte und – bis auf gelegentliche Toilettenpausen oder für eine Dusche im nahegelegenen Fitnessstudio – seinen Wagen nicht verließ, sondern reglos im Auto verharrte. Nicht einmal die Kleidung haben der Mann und die Frau gewechselt. Die Anwohner waren verständlicherweise irritiert bis verängstigt. Auf Polizeinachfragen soll das Paar nur gesagt habe, es ginge niemanden etwas an, was sie machen. Auch die Presse, die nach einiger Zeit auf den Plan trat, hat nichts herausgefunden – und irgendwann sind die Leute einfach wieder weggefahren. Laut „Tagesspiegel“ weiß die Polizei mittlerweile, welches Motiv der Mann und die Frau hatten, hat darüber aber nichts verlautbaren lassen. Nachdem ich diesen Artikel gelesen hatte, ist bei mir sofort das Kopfkino angesprungen: Was mag da los gewesen sein? Also habe ich mögliche Szenarien durchgespielt – und eines davon habe ich mit „Einer wird sterben“ schließlich aufgeschrieben.

Man kann sich gut vorstellen, dass die Anwohner von dieser „stummen Provokation“ verunsichert waren. So wie Stella im Roman. Wie sind Sie auf diese Figur gekommen? Und wie zu der Idee zu ihrem Geheimnis?

Die Hauptfiguren in meinen Thrillern sind – jedenfalls bisher – immer Frauen, die durch ein Ereignis von jetzt auf gleich aus ihrem „normalen“ Leben gerissen werden und regelrecht in einen Abgrund stürzen. So etwas finde ich einfach spannend, denn es kann ja theoretisch jede(n) von uns treffen. Eben war noch scheinbar alles in Ordnung, und plötzlich taumelt man aus einer vermeintlichen Sicherheit, aus dem Alltag in eine Katastrophe. Stella ist fragil und gleichzeitig tough, vielleicht vergleichbar mit den Frauenfiguren, wie Alfred Hitchcock sie häufig gezeichnet hat. Dabei ist sie – hoffe ich – für die Leser einerseits ein Charakter mit hohem Identifikationspotential; andererseits hat sie etwas Rätselhaftes, und ihre Handlungsmotive werden stetig verworrener, bis man sich überhaupt nicht mehr sicher sein kann, was mit Stella eigentlich los ist.

Wie würde es Ihnen in dieser Situation gehen? Gibt es vielleicht sogar etwas, von dem Sie nicht möchten, dass es jemand herausfindet?

Natürlich gibt es da was, sogar einiges – aber das werde ich hier sicher nicht verraten. Ich fürchte, ich bin in Teilen etwas paranoid. Je nach Tagesform reicht es schon aus, wenn mich ein Nachbar nicht freundlich genug grüßt, dann stelle ich mir bereits die Frage, ob „der was hat“. Hat er wahrscheinlich gar nicht, vielleicht ist er nur in Gedanken oder schlecht gelaunt. Aber trotzdem kann es mir eben passieren, dass ich darüber nachgrüble, ob ich irgendwas Falsches gemacht oder gesagt habe. Vermutlich schreibe ich deshalb Thriller, ich habe einen Hang zur Dramatik. Und wie es mir damit gehen würde, wenn jemand wie in „Einer wird sterben“ tagelang vor meiner Tür im Auto säße? Schlecht. Ich hätte Angst. Und würde natürlich wahnsinnig werden über die Frage, ob ich gemeint bin, und wenn ja, warum. Grässliche Vorstellung!

Sie beschäftigen sich gern mit den psychischen Abgründen der menschlichen Seele. Was reizt Sie daran?

Was gibt es Spannenderes als die Menschen und das, was in ihren Köpfen vor sich geht? Das Spektrum ist unendlich breit, da gibt es nichts, was es nicht gibt. „Abenteuer Mensch“ würde ich es nennen. Bei den Recherchen zu einem neuen Roman fühle ich mich wie auf einer Expedition durch ferne (und auch mal nicht so ferne) Gefühls- und Seelengalaxien. Hinzu kommt, dass ich, seit ich selbst mal an einem Zwang erkrankt war, erst so richtig verstanden habe, wie sehr die Psyche uns ins Wanken bringen kann. Damals war die Krankheit eine furchtbare Erfahrung – aber sie war auch unfassbar spannend.

Ich mag gebrochene, fast tragische Charaktere, die „unschuldig schuldig“ in einen Strudel der Ereignisse gerissen werden und keinen Ausweg mehr finden. Dabei will ich so nah wie möglich an die Figur herankommen. Einer der Gründe dafür, weshalb ich nie einen Ermittler habe. Ein Kommissar oder ein Journalist, der einen Fall aufdeckt, ist eben nicht selbst betroffen (es sei denn, es geht um einen Freund oder ein Familienmitglied), er steht nicht im Zentrum der Geschichte, sondern bleibt bis zu einem gewissen Grad außen vor. Für mich persönlich entsteht die Dramatik aber eben genau dadurch, dass es für die Hauptfigur um alles geht, um Leben und Tod. Das funktioniert für mich nur, wenn ich jemandem unmittelbar die Schlinge um den Hals lege und sie dann ständig fester zuziehe; wenn ich sie an ihre Grenzen und bis darüber hinaus treibe.

Klingt das brutal? Genau so soll es sein, so funktioniert für mich eine atemlose Dramaturgie. In „Einer wird sterben“ mache ich genau das mit Stella – und wer wissen möchte, wie das aussieht, sollte dann wohl das Buch lesen.

Gibt es dabei auch etwas, worüber Sie nicht schreiben würden?

Über „Gewalt gegen Kinder“, wollte ich spontan antworten. Aber dann fiel mir mein Thriller „Alles muss versteckt sein“ ein, stimmt also nicht. Vermutlich gibt es nichts, über das ich nicht schreiben würde. Ich weiß ja nicht, was mich im Leben noch bewegen wird, da ist alles offen. Es gibt Genres, an die ich mich nicht wagen würde. Zum Beispiel würde ich nie im Leben einen historischen Roman verfassen. Kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Aber auch da kann es natürlich sein, dass ich im Alter von zweiundneunzig etwas schreibe, das 1998 spielt – ist das dann schon historisch?

Sie waren vor kurzem in einer Talkrunde zum Thema „Gesichter des Bösen – kann jeder zum Täter werden?“ zu Gast. Was denken Sie – haben wir alle eine dunkle Seite?

Auf jeden Fall! Nur ist es von Mensch zu Mensch verschieden, was zu Tage tritt, da gibt es unterschiedliche „Toleranzschwellen“. Es ist eine Frage der Impulskontrolle, da sitzen einige fester im Sattel als andere und lassen sich nicht so schnell aus der Fassung bringen. Natürlich gibt es auch Psychopathien, also ein krankheitsbedingtes Fehlen jeglicher Empathie – das ist allerdings etwas vollkommen anderes.

Für meine Thriller interessieren mich solche Ausprägungen nicht, ich möchte wissen, was einen Menschen, der eigentlich „gut“ ist, „böse“ machen kann. Da hat, glaube ich, fast jeder eine Achillesferse – und wenn er genau dort getroffen wird, kann das im Kopf einen Schalter umlegen.

Und wie sieht Ihre „dunkle Seite“ aus?

Wenn ich sehr gekränkt bin – was häufig mit einem Ungerechtigkeitsempfinden zu tun hat –, kann ich recht jähzornig werden, in eine Art Furor geraten. Ich werde dann nicht laut, sondern schieße eher leise, dafür aber umso verletzendere „Wortpfeile“ ab. Es liegt in der Natur meines Berufs – das sich ständige Beschäftigen mit dem, was Menschen berührt –, dass ich ganz gute Antennen dafür habe, was einen anderen wirklich trifft. Und ich fürchte, es ist schon vorgekommen, dass ich absichtlich auf solche wunden Punkte gezielt habe. Allerdings noch nicht sehr häufig. Hoffe ich. Wenn es mal mit mir „durchgegangen“ ist, hat es mir hinterher bisher immer leidgetan und ich habe mich so gut es ging entschuldigt.

Wenn Sie nicht gerade in der Zeitung darüber stolpern – woher holen Sie sich Ihre Inspiration für Ihre Psychothriller?

Das kann überall sein. Zu „Alles muss versteckt sein“, in dem die Hauptfigur an einem Zwang erkrankt, wurde ich natürlich durch meine eigene Geschichte inspiriert. Auf die Idee zu „Bald ruhest du auch“ kam ich durch das (Sach-)Buch einer Frau, in dem es darum ging, dass sie ihren Lebensgefährten verloren hatte, als sie im 8. Monat von ihm schwanger war. Es passiert einfach, ich lese, höre oder erlebe etwas – und ohne, dass ich es willentlich beeinflussen kann, beginne ich, daraus eine Geschichte zu spinnen, die ich dann sukzessive auf die Spitze treibe. Dabei drehe und wende ich eine Idee so lange hin und her, bis ich einen vollkommen neuen Blick auf die Ereignisse habe, bis sich eine neue Perspektive eröffnet.

Es ist nicht so einfach, es zu erklären, aber von der Grundidee bleibt oft nur ein Bruchteil übrig, weil zwischen dem ersten Gedanken bis hin zum fertigen Roman viele, viele Stunden kreative Kopfarbeit liegen. Es ist ein permanentes Brainstorming mit mir selbst, und in den Phasen, in denen ich ein neues Buch entwickle, wirke ich vermutlich oft etwas abwesend, weil ich regelrecht in einer „anderen Welt“ stecke.

Und was ist die größte Herausforderung bei der Umsetzung einer ersten Idee in eine konkrete Geschichte?

Dass es ein Puzzle mit etwa einer Million kleinster Teilchen ist. Die muss man nicht nur korrekt zusammensetzen – man muss die Puzzlestücke vorher auch noch selbst, Stückchen für Stückchen, entwerfen, sie quasi „schnitzen“ (aus dem großen Bild heraus, das man – hoffentlich! – schon vor Augen hat). Es ist wie eine Komposition, bei der alles passen muss, ein Rädchen greift ins andere, und wenn nur das kleinste Detail nicht stimmt, bricht alles in sich zusammen, weil es nicht mehr passt. Außerdem darf der Leser auf keinen Fall unterwegs darauf kommen, wie genau alles miteinander zusammenhängt – aber zum Schluss, also rückblickend, muss ihm dennoch alles nachvollziehbar und logisch erscheinen.

Eine stringente und dennoch überraschende Geschichte zu entwickeln, die zahlreiche unerwartete Wendungen enthält und deren Lösung die Leser erst auf den letzten Seiten erkennen; die sie in der besten aller Welten komplett umhaut („Darauf wäre ich NIE gekommen!“), obwohl sie im Nachhinein ganz klar auf der Hand liegt – das ist für mich die eine Herausforderung. Die zweite ist es, Figuren zu erschaffen, die den Lesern nahegehen; die sie berühren, die sie teilweise regelrecht „bei der Kehle packen“ und sie beklemmen.

Wenn es einem Autor nicht gelingt, Charaktere zu entwickeln, für die die Leser sich interessieren, mit denen sie mitfiebern möchten – dann kann er sich die komplette Geschichte sparen.

"Einer wird sterben" von Wiebke Lorenz

12.99 €

Sie ist allein im Haus. Allein mit ihrer Angst. Sie kann mit niemandem sprechen. Nicht einmal mit ihrem Mann. Was wissen die Leute im Auto? Und vor allem, was werden sie tun?

Eines Morgens steht es plötzlich da. Das schwarze Auto. Mitten in der ruhigen Blumenstraße in einem gehobenen Wohnviertel. Darin ein Mann und eine Frau, die reglos dasitzen. Stundenlang, tagelang. Nach und nach macht diese stumme Provokation die Anwohner nervös. Allen voran Stella Johannsen, die sich immer und immer wieder die eine Frage stellt: Was wissen sie? Über die schreckliche Nacht vor sechs Jahren, als Stella und ihr Mann Paul einen schweren Unfall hatten. Einen Unfall, bei dem ein Mensch starb. Sind sie deswegen hier? Was werden sie tun? Und wie viel Zeit bleibt Stella noch?

»Ich habe mich völlig in dieser Geschichte verloren und wusste irgendwann nicht mehr, wo oben und unten ist. Wahnsinnig spannend. Unbedingt lesen!« Melanie Raabe

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