Kriminalroman

Felix Leibrock im Interview mit Topkrimi

Es ist beliebt, spannend und nervenaufreibend: seit dem 19. Jahrhundert fesselt das Genre des Kriminalromans ein millionenfaches Publikum und darf sich immer höherer Beliebtheit erfreuen. Zu verdanken haben wir die spannenden Geschichten den vielen KrimiautorInnen, die sich mit den Schattenseiten der menschlichen Spezies beschäftigen.

Doch einen ganz besonderen Clou landet Krimiautor Felix Leibrock mit seinen Romanen Todesblau, Eisesgrün und Schattenrot. Auf geschickte und leicht provokante Weise gelingt es ihm Vergangenheit und Gegenwart, sowie Realität und Fiktion zu einer kriminalistischen Symbiose zu vereinen. Doch nicht nur seine Kriminalromane erwecken die Gemüter, auch Felix Leibrock selbst: neben seiner Tätigkeit als Autor ist er hauptberuflich Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks und Seelsorger.

Wir haben den „Krimipfarrer“ nun zum Interview eingeladen, um mehr über ihn, seine Schriftstellerleidenschaft und den Hang zur Provokation zu erfahren:

1. Von der Idee zum Buch

Kriminalautoren brauchen nicht nur eine blühende Fantasie und das Geschick zum Schreiben, sie müssen sich sowohl in die Gefühls- und Gedankenwelt der Täter, als auch der Opfer hineinversetzen können. Dabei entwickelt jeder Autor seine eigene Methode.

Topkrimi: Inwiefern hilft dir dein Beruf als Pfarrer und Seelsorger neue Ideen zu sammeln? Was ist deine Inspirationsquelle?

Leibrock: Als Seelsorger erfährt man ganz allgemein viel über die Abgründe, die sich in uns auftun. Als Polizeiseelsorger im speziellen bin ich ganz nah an der Polizei dran und versuche, ein realistisches Bild von deren Arbeit zu zeichnen.

2. Die eigene Note

Fragt man die breite Masse nach den Eigenschaften eines Künstlers, so lautet der gemeinsame Tenor: originell soll er sein. Dasselbe wird auch von seinen Kunstwerken erwartet. Schlägt man nun im Duden das Wort „originell“ nach, so findet man Bedeutungen wie zum Beispiel „schöpferisch, eigenartig, einzigartig, neu, etc“. Doch das Zepter der Originalität stets zu bedienen und dabei noch seine eigene Note mit einzubringen, gelingt jedem Autor auf ein andere Art und Weise.

Topkrimi: In jedem deiner Bücher verbindest du ernste Themen wie bspw. die NS-Vergangenheit (Schattenrot; Anm. d. Redaktion) mit fiktiven Handlungen. Was bewegt dich dazu, solche Themen aufzugreifen?

Leibrock: In der Schule hat mich Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ fasziniert. Verdrängte Schuld, die Jahrzehnte später die Betroffenen wieder einholt – dieses Thema versuche ich in meinen Krimis aufzugreifen. Ich halte diese Form des Erinnerns für wichtig angesichts von Stimmen, die einen Schlussstrich zur deutschen Erinnerungskultur fordern, gerade auch im Hinblick auf die NS-Zeit.

3. Gewalt und Nächstenliebe

In Kriminalromanen spielen Gewalt, Verbrechen und Aufklärung nicht nur eine übergeordnete Rolle, sondern zeichnen diesen auch als Krimi aus. Leider ist unser Alltag ebenfalls zunehmend von diesen Themen geprägt, wobei wir uns mehr Nächstenliebe wünschen würden. Umso erstaunlicher also, dass gerade ein Pfarrer Kriminalromane schreibt oder ist es eine bewusste Entscheidung, um auf die Problematik hinzuweisen?

Topkrimi: Welche Einstellung hast du zu den Themen Gewalt und Nächstenliebe?

Leibrock: Mich bewegt die Frage, wie das Böse in den Menschen kommt. Nächstenliebe kann eine Überforderung sein. Den Feind lieben, wer schafft das wirklich? Wenn wir ihm nicht mit gleicher Waffe heimzahlen, ist ja schon viel erreicht.

4. Der Reiz der Provokation

Wir lieben es unsere Mitmenschen zu beobachten. Sei es, wenn wir an ihnen vorbeigehen oder in einem Café am Straßenrand sitzend. Die Interaktion der Menschen um uns herum zu beobachten, kann unheimlich spannend sein. Schließlich ist jeder Mensch anders, ein Unikat und so reagiert er auch ganz divers auf Geschehnisse. Und Felix Leibrock weiß wie er die Menschen aus der Reserve locken und ihre Reaktionen einfangen kann: in Thüringen stellt er Gottes Existenz mit einer Zitation aus Stephen Kings „Revival“ in Frage und wartet die Reaktionen seiner Kirchengemeinde ab. In seinen Büchern greift er Tabu-Themen auf und erhitzt damit die Gemüter.

Topkrimi: Worin besteht für dich der Reiz, deine Mitmenschen aus der Reserve zu locken und ihre Reaktionen abzuwarten?

Leibrock: Ich mag nicht die Berechenbarkeit der Worte. Konfrontiert mit Unerwartetem, sagen wir auch mal unbedacht Dinge. Daraus entwickeln sich, so meine Erfahrung, die spannendsten Gespräche.

5. Die Wahl der Tatorte

Genauso wichtig wie der Tathergang, ist auch die Wahl des Tatortes. Felix Leibrock wählt in seinen Kriminalromanen als Schauplätze Weimar, Berlin und München.

Topkrimi: In deinen Kriminalromanen hast du als Schauplätze einerseits geschichtsträchtige Orte gewählt, andererseits zugleich auch deine Heimatorte. Welche Bedeutung hat der Schauplatz für dich?

Leibrock: Ich glaube, man kann nur authentisch über Orte schreiben, wenn man sie und die Mentalität der Menschen dort gut kennt. Weimar und München sind außerdem Städte, die viele historische Anknüpfungen für Krimiplots ermöglichen.

6. Krimis mit Lokalkolorit vs. Regionalkrimis

Seit den letzten Jahren erleben die Regionalkrimis einen regelrechten Boom. Die Leser warten gebannt auf die Verbrechen in einer bestimmten Region, die schließlich der heimatverbundene Ermittler aufdeckt. Hingegen zeichnen sich andere Kriminalromane lediglich mit einer kleinen Brise Lokalkolorits aus, die der Handlung eine Nuance örtlicher Färbung verleiht.

Topkrimi: In Interviews wie mit der Süddeutschen Zeitung von 2015 grenzt du dich bewusst von den Regionalkrimis ab. Warum?

Leibrock: Weil meine Krimis zwar einen konkreten Ort haben, sich aber so auch in anderen Regionen abspielen könnten. Die Bezeichnung Regionalkrimi verleitet reale Personen des Orts dazu, sich dort abgespiegelt zu sehen. Das lehne ich aber ab.

7. Die Titelfindung

Bevor wir einen Krimi zu lesen beginnen, muss erst einmal unsere Neugierde geweckt werden. Unser Interesse weckt dabei nicht erst der Klappentext, sondern bereits der Titel des Buches und sein Cover. Die Herausforderung eines Autors besteht also darin, neben einer spannenden Handlung auch noch einen fesselnden Titel zu finden. Dem Ideenreichtum sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Topkrimi: Was steht hinter deiner Titelgebung: Todesblau, Eisesgrün, Schattenrot?

Leibrock: Todesblau – Feiningers Bild „Die blaue Kathedrale“ führt zu Mord und Totschlag.

Eisesgrün – in einer Grünanlage findet sich der Hinweis auf eine tiefgefrorene Leiche.

Schattenrot – das Blut des Lagers Buchenwald wirft einen langen Schatten auf Weimar.

8. Das Markenzeichen

Obwohl Originalität als non plus ultra für Künstler gilt, muss diese auch erst geschaffen werden. Viele Autoren überlegen sich daher ihr eigenes Markenzeichen, das ihren Stil und ihr Talent zur Geltung bringt.

Topkrimi: Nun haben wir bereits von Inspiration, Originalität und Provokation gesprochen. Was würdest du selbst als weiteres Markenzeichen deiner Romane beschreiben?

Leibrock: Die Gespräche mit Zeitzeugen und ExpertInnen als Quelle für Authentizität.

9. Der Schlüssel zum Erfolg

Neben Ideenreichtum und der Gabe zu Schreiben, benötigt man aber vor allem auch Zeit. Besonders dann, wenn man wie Felix Leibrock noch anderen Berufen nachgeht. Es bleibt also zum Abschluss die Frage, was sein Schlüssel zum Erfolg ist.

Topkrimi: Du bist Geschäftsführer beim Evangelischen Bildungswerk, Seelsorger und Autor. Woher kommt die Energie für all das und ist das gut miteinander kombinierbar?

Leibrock: Wo Leidenschaft ist, geht die Energie nie aus.

Nach den bereits brisanten Themen in seinen Kriminalromanen „Todesblau“ und „Eisesgrün“ um das Weimarer Ermittlerduo Sascha Woltmann und Mandy Hoppe, legt Felix Leibrock in seinem neuen Roman „Schattenrot“ noch einmal nach. Denn dieser Krimi reicht weit in die deutsche Vergangenheit zurück…

In Weimar wird im Sommer 2016 die 17-jährige Unternehmenstochter Anna vermisst, die am Abend nicht nach Hause kommt. Der Verdacht fällt zunächst auf den drei Jahre älteren Maximilian, der mit Drogen dealt. Bei der großangelegten polizeilichen Suchaktion rückt allerdings ein Waldstück immer mehr in den Fokus der Ermittler, da Anna im Rahmen einer Seminarfacharbeit über Wölfe in Deutschland geforscht hat. Hierbei erforschte sie nicht nur die Geschichte der Wölfe in der DDR, sondern kam auch einem vermeintlichen Wolfshasser auf die Spur…

Zeitgleich mit Annas Verschwinden wird auch in München eine Anwaltsgattin als vermisst gemeldet.

Inwiefern die beiden Vermisstenfälle zusammenhängen und warum die Spur nach Buchenwald bei Weimar, ins ehemalige Speziallager Nr.2 führt, erzählt Felix Leibrock in „Schattenrot“ äußerst spannend und anschaulich. Dabei ergänzen sich Geschichte und Gegenwart, Wölfe und Werwölfe, Weimar und München ganz wunderbar zu einem rasanten Krimi.

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