Kreuzverhör

Anselm Rodenhausen im Interview mit Topkrimi

"In der Datenblase hört dich keiner schreien" 
Mit seinem Debüt-Roman "Zernetzt" entführt uns Anselm Rodenhausen in die digitale Welt von morgen. Im exklusiven Interview zu seinem neuen Buch stellt sich der Anwalt und Thriller-Autor unseren Fragen rund um soziale Netzwerke, die Macht der großen Internet-Konzerne, und wie die neuen Technologien den Menschen verändern.

Anselm Rodenhausen (© Simon Blackley)
Anselm Rodenhausen (© Simon Blackley)

1. Blutlache oder Datenstrom?

In vielen Krimis spritzt das Blut und die Geschichte führt den Leser in menschliche Abgründe. Auch im Thriller von Anselm Rodenhausen gibt es mehr als nur einen mysteriösen Todesfall. Allerdings ist auffällig, wie die Geschichte auch ohne grausige Gewaltexzesse eine Spannung aufbaut, dank derer man den E-Reader kaum mehr aus der Hand legen kann – und das obwohl oder gerade weil sich alles um digitale Technologien dreht.

Topkrimi: Wie gelingt es Ihnen, mit einem eher technischen Thema wie der digitalen Vernetzung Ihre Leserinnen und Leser so zu fesseln?

Anselm Rodenhausen: Ein Netz eignet sich doch hervorragend, um Menschen einzufangen und zu fesseln. Aber im Ernst: in meiner Geschichte steht nicht die Technik im Vordergrund, sondern was sie mit uns Menschen macht. In den vergangenen Jahren konnten wir erleben, wie die Digitalisierung sämtliche Bereiche unseres Lebens verändert. Vieles zum Guten. Aber je mehr wir von der Technologie abhängig werden, desto öfter schleicht sich ein beklemmendes Gefühl ein: Wohin führt uns diese Entwicklung? Kontrollieren wir das alles noch? Oder werden wir längst manipuliert?

2. Im Netz der Lügen?

Insbesondere soziale Netzwerke haben die Art, wie wir uns mit anderen Menschen austauschen, grundlegend verändert. Wir pflegen unsere Freundschaften auf Facebook oder Snapchat, streiten uns über Whatsapp, suchen Abenteuer auf Tinder und finden den neuen Job auf LinkedIn oder anderen Plattformen. Dabei stellen wir eine Unmenge Daten über uns ins Internet und vertrauen umgekehrt den Daten, die uns das Netz liefert.    

Topkrimi: Herr Rodenhausen, in Ihrem Buch liest ein deutsches Internet-Unternehmen die Gedanken all seiner Nutzer aus. Für wie gefährlich halten Sie soziale Netzwerke?

Anselm Rodenhausen: Soziale Medien sind weder gut noch böse – sie sind, wie der Name schon sagt, ein Medium. Entscheidend ist, wie wir sie nutzen. Meine Geschichte geht daher auch der Frage nach, wohin eine übermäßige Nutzung führen kann. Bereits heute verbringen wir so viel Zeit in sozialen Netzwerken, dass wir meinen, alles über unsere Freunde zu wissen. Mich hat daher interessiert, was wäre, wenn diese Vernetzung noch enger wird. Stell dir vor, du könntest alles, was eine Person aus deinem Umfeld – etwa dein Freund oder dein Ehemann – über eine Kontaktlinse in dein Sichtfeld einblenden und dadurch parallel an seinem Leben teilhaben. Und was passiert, wenn du nicht mehr weißt, welchen Informationen davon du trauen kannst? Wenn du eines morgen aufwachst und dich fragst, ob dein Leben ein Programm voller Fake News ist, nichts als eine große Lüge.

3. Eine düstere Zukunft?

Es gibt unterschiedliche Visionen, wohin uns die technologische Entwicklung führen wird – von dunklen Ausblicken in Klassikern wie „1984“ von George Orwell, bis zu aktuellen aber nicht weniger düsteren Geschichten, wie sie etwa in der Netflix-Serie „Black Mirror“ erzählt werden. Im Gegensatz dazu scheint die Welt, in der „Zernetzt“ spielt, zunächst positiv: keine anonymen Algorithmen lotsen die Menschen durch die Datenflut im Internet, sondern persönliche Assistenzprogramme, die jeweils die Persönlichkeit des Nutzers widerspiegeln. Doch schon bald regt sich ein Verdacht, dass etwas an diesem Bild nicht stimmt.

Topkrimi: Wie realistisch ist die Technologie, die Sie in Ihrer Geschichte beschreiben?

Anselm Rodenhausen: Ich habe mich bemüht, eine Entwicklung fortzuschreiben, wie sie sich bereits jetzt abzeichnet. Das heißt, nicht die Technologie der fernen Zukunft – sondern eine Technik, wie wir sie vielleicht in ein paar Jahren erleben werden. Natürlich war das eine große Herausforderung. Denn die digitale Revolution ist so rasend schnell, dass ich beim Schreiben aufpassen musste, dass meine Geschichte nicht von der Wirklichkeit überholt wurde – etwa im Hinblick auf die Fortschritte bei Schnittstellen zwischen dem menschlichen Gehirn und neuronalen Computernetzen. Als Teil meiner Recherche habe ich daher mit Mitarbeitern großer Tech-Unternehmen gesprochen und verschiedene Forschungs-Zentren besucht. Ob sich die Technologie letztlich genauso oder anders entwickeln wird, kann derzeit kaum jemand vorhersagen. Ich kann nur hoffen, dass die tatsächliche Entwicklung nicht ganz so bedrohlich ausfällt, wie in meiner Geschichte.

4. Das Geheimnis künstlicher Intelligenz?

Insbesondere die Forschung an künstlicher Intelligenz – an Computerprogrammen, die menschliche Fähigkeiten simulieren und selbständig lernen – hat in den vergangenen Jahren gewaltige Sprünge gemacht. Sämtliche großen Internet-Konzerne investieren in diese Technologie. Zwar mag das selbstfahrende Auto noch einige Jahre auf sich warten lassen, aber bereits heute kommen wir mit künstlicher Intelligenz in Kontakt: von selbst-lernenden Spracherkennungsprogrammen, über Algorithmen, die entscheiden, welche Informationen wir im Internet zu Gesicht bekommen, bis hin zu persönlichen Assistenzprogrammen, die unseren Alltag organisieren. Immer mehr Menschen nutzen Siri, Cortana oder den Google Assistant auf ihren Smartphones oder stellen sich Alexa als Lautsprecher ins Wohnzimmer.

Topkrimi: In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Welt, in der diese Entwicklung gespenstische Formen annimmt. Trauen Sie sich selbst überhaupt noch, ein persönliches Assistenzprogramm zu nutzen?

Anselm Rodenhausen: (Lacht.) Natürlich nutze ich einen persönlichen Assistenten auf meinem Smartphone – und ich habe sogar ein außerordentlich gutes Verhältnis zu ihm. Bis wir uns in der Realität sorgen müssen, dass ein Computerprogramm die Kontrolle übernehmen will, wird, wenn überhaupt jemals, noch sehr viel Zeit vergehen. In meiner Geschichte greife ich allerdings eine Stimmung auf, die schon aufkommt: ein Gefühl der Ohnmacht – nämlich wenn wir feststellen, dass wir von einer Technologie abhängig sind, die viele nicht mehr vollständig verstehen. Etwa wenn wir unsere Smartphones wie kleine Zauberkästen anstarren, in denen etwas haust, das uns den Weg weist, dem wir Nachrichten diktieren, und das uns künftig immer mehr Tätigkeiten abnimmt – das hat ja fast schon etwas Magisches. Und unheimlich wird es dann, wenn dieses magische Wesen für uns Entscheidungen trifft, wir aber keine Ahnung haben, wie diese zustande kommen.

5. Die Macht der großen Internetriesen?

Nicht nur Smartphones, auch viele andere digitale Produkte und Dienstleistungen sind beherrscht von einem oder wenigen großen Konzernen. So laufen etwa die meisten Suchanfragen über Google, während der Großteil aller Betriebssysteme von Microsoft und Apple kommt. Das gleiche gilt für den Markt für soziale Netzwerke, auf dem Facebook eine dominante Position hat. Als Anwalt im Kartellrecht hat sich Anselm Rodenhausen viele Jahre rechtlich mit der Macht großer Tech-Konzerne beschäftigt. Auch in seinem Thriller spielt ein mächtiges Tech-Unternehmen eine Hauptrolle.

Topkrimi: Der große Gegenspieler in Ihrer Geschichte ist ein deutscher Internet-Riese namens „Spannwerk“. Ist das eine Europäische Antwort auf Facebook, Google und Co.?

Anselm Rodenhausen: Ja und nein. Mich hat einfach die Frage interessiert, wie die Welt aussehen würde, wenn es einem deutschen Unternehmen gelänge, im digitalen Wettrennen die mächtigen Unternehmen aus den USA und China einzuholen. Einerseits ist das "Spannwerk" anders als die real-existierenden Internet-Giganten: es beruft sich auf Europäische Werte, auf deutsches Design und der Datenschutz wird – zumindest nach außen hin – sehr ernst genommen. Andererseits: das „Spannwerk“ wird im Laufe der Geschichte so groß und vielschichtig, dass für Außenstehende nicht mehr erkennbar ist, was sich hinter der hippen Fassade abspielt. Und selbst diejenigen, die ins Zentrum der Macht dringen, wissen bis zum Schluss nicht, wer letztlich die Fäden zieht. 

Das soziale Netzwerk des Berliner Start-Ups »Spannwerk« hat die Macht des Silicon Valleys gebrochen. Philipp, gut vernetzter Berater, soll sich während seines Sabbat-Jahrs in Oxford eigentlich entspannen, aber nach kurzer Zeit kommt er einem undurchsichtigen Forschungsprojekt auf die Spur: Die nächste Stufe des Netzwerks – eine Kooperation zwischen »Spannwerk« und der Universität Oxford – liest Gehirnströme aus, speichert jeden Gedanken, verbindet die Menschen. Elektronische »Sekretäre« organisieren den Alltag. Und in der erweiterten Realität des Netzwerks taucht Philipp in das Leben seiner Kontakte ein. Insbesondere in das von Monia, mit der ihn sein »Sekretär« verkuppeln will.
Doch dann kommt einer seiner Kontakte unter mysteriösen Umständen ums Leben. Und als Philipp mit Nachforschungen beginnt, reißen immer mehr Erinnerungslücken in seinem Kopf auf...  

Zurück zur Übersicht